Mit den Wilden spielen

Efeu (Hedera helix) vermehrt sich in allen Teilen des Gartens stark. Auf Friedhöfen lasse ich es gelten, aber in Gärten gehört es eingedämmt. Eine Zeitlang pflanzte ich ihn an die Jägerzäune, die die Gärten zu den Nachbarn abtrennen, im Winter hatten wir dann dekorative dunkelgrüne Wände, aber sie nahmen uns und unserem Nachbarn zu viel Sonne. Den wintergrünen Efeu gibt es noch an einer großen Betonwand, an der ehemaligen Garagenauffahrt, die er zuverlässig das ganze Jahr über begrünt. Und an einem alten Apfelbaum. Dort ist er schon über zehn Jahre alt, hat also die Blattform verändert, ist runder geworden und blüht. Dessen Blätter und die kleinen Beeren werden jedes Jahr im Adventskranz verarbeitet.

In Berlin und Umgebung vermehren sich in den letzten Jahren auffallend viele Misteln. Manche großen Bäume stecken voll damit. Vor etwa zwanzig Jahren, als sie noch selten waren, gefielen sie mir, und ich dachte an weihnachtliche Gestecke, als ich mir eine heruntergefallene Pflanze holte und einem alten Obstbaum in eine Asthöhle setzte. Sie kam sogar im nächsten Jahr, dann aber, zum Glück, nicht mehr. Vielleicht wären sonst mehr Bäume in der Nachbarschaft befallen: Ihr Fruchtfleisch ist klebrig, pappt dann an den Schnäbeln der Vögel fest und wird so verbreitet. In dem kleinen Bändchen Berliner Pflanzen (edition terra) schreiben die Autorinnen, dass alle Fachleute sehen, dass Misteln sich ausgebreitet haben, aber nicht alle machen sich gleichermaßen Sorgen: Es sei nicht sicher, ob ein Baum nur an diesem „Halbschmarotzer“ stirbt. Außerdem seien eher Eindringlinge betroffen, während die seit jeher heimischen Pflanzen als Wirte „mit ihren immergrünen Untermietern weit besser klar“ kämen.

Eine Entdeckung meiner Nachbarin sind die Nachtkerzen (Oenothera). Sie wies mich auf den Unterschied zwischen den klein- und großblütigen hin. Nun halten wir nur noch die Großen. Nach dem schon erwähnten Buch über die Berliner Pflanzen, soll es die große Variante, sie heißt Löwennachtkerze, nur in Berlin geben, vielleicht sollte ich sie als Mitbringsel bei Reisen in andere Gegenden einsetzen. Als Zweijährige bilden sie im ersten Jahr eine kräftig grüne Rosette und im zweiten Jahr eine Blüte, die von einem hohen Stiel ausgeht. Diese öffnet sich am Abend, einmal habe ich es sogar beobachtet, und blüht bis zum nächsten Vormittag. Dabei strömt sie einen intensiven süßlichen Duft aus. Manche werden mannshoch. Die kräftige Wurzel lässt sich gut zu Salat verarbeiten, auch im Winter zu essen, sie sind etwas rosa und heißen deshalb Schinkenwurzeln. Vom Verpflanzen her weiß ich, dass sie dick und lang ist und gerade nach unten geht. Im Buch steht: „Dem Volksglauben nach gibt ein Pfund Wurzeln mehr Kraft als ein Zentner Ochsenfleisch.“ Allerdings nur im ersten Jahr!

Das ist noch so einer von den Tipps, die ich mir, als ehemaliges Blockadekind, immer ganz genau merke, um in Notzeiten darauf zurückzukommen. Jürgen Dahl berichtet in seinem Buch Neue Nachrichten aus dem Garten davon, dass sie holzig wären und nicht schmeckten. Aber vielleicht waren es ältere Wurzeln? Die wundersame Nachtkerze samt sich tüchtig aus, aus dem Samen wird das Nachtkerzenöl gewonnen. Es wird als Nahrungsergänzungsmittel verkauft und als Mittel bei chronischen Ekzemen empfohlen. Es soll den Juckreiz mindern. Es fehlt allerdings jeder Nachweis über die Wirksamkeit, es kann auch zu einer Reihe von Unverträglichkeiten führen. Das sollte man also nicht ausprobieren.

Einige Nachtkerzen versetze ich jedes Jahr in die hintere Reihe, wo sie dann, im zweiten Jahr, am Abend leuchten. In diesem Winter ist mir aufgefallen, dass ihre Rosette auch nach Frösten kräftig grünt. Ich werde sie deswegen weiter, und vielleicht an neue Stellen, verpflanzen. Weit aus der Ferne grüßend erfreut sie unsere Sommerabende auf der Terrasse.

In den hinteren Bereichen des Gartens habe ich zwei Silberlingarten, die rotblühende, zweijährige Lunaria annua, die später die runden Silberlinge produziert. Sie heißen auch Mondviole. Die andere ist eine Staude, die sich kräftig vermehrt. Die Lunaria rediviva hat weißbläuliche Blüten, und ihre Silberlinge sind eher oval. Sie blüht in einem sehr hellen Schneeweiß mit bläulichem Schein. Alle Cremefarben wirken in ihrer Nachbarschaft schmutzig. Auch sie verpflanze ich im Herbst immer an hintere Stellen, und oft gehen sie auch an. Ein bisschen Arbeit machen sie schon, die Wildpflanzen, wenn man versucht sie zu zähmen. Aber es lohnt sich.

Zu groß wurden mir die Kermesbeeren (Phytolacca). Ausgewachsen bewohnen sie einen Quadratmeter unseres kleinen Stadtgartens. Als ich sie schon ausgerottet glaubte, zeigte sich eine kleinere am Rand des Rosenbeetes, sie darf bis auf weiteres da bleiben, die Pflanzen sind doch sehr dekorativ. Jürgen Dahl berichtet im Buch Neue Nachrichten aus dem Garten, dass die Beeren früher in Weingegenden genutzt wurden, um Rotwein eine kräftig rote Farbe zu verleihen. Die Samen anderer Pflanzen puschel ich in geeignete Ecken und gucke, was kommt. Fingerhüte und Akeleien belohnen mich manchmal.

Das Springkraut (Impatiens glandulifera) hatte ich von draußen angeschleppt, bis es überall hinsprang. Im Bayerischen Wald wird es bekämpft, in England soll es eine Meldepflicht geben. Ich lasse es in meinem kleinen Garten nicht mehr zu.

Neulich bekam ich von einer Gartenfreundin Mutterkraut (Panacetum parthenium) geschenkt. Im Internet lese ich: „Das Mutterkraut wird heutzutage kaum noch verwendet. Meist findet man das Mutterkraut heute wild als Unkraut, da ein Anbau in Gärten nicht mehr stattfindet. Die Fähigkeiten des Mutterkrautes sind seit jeher bekannt. Es wurde früher verwendet, um Melancholie sowie Kopfschmerzen zu lindern.“ Wer leidet heutzutage noch unter Melancholie? Oder heißt Melancholie heute Depression? Mich erfreut das Mutterkraut, weil es in mageren Ecken zuverlässig Farbtupfer setzt, im Winter mit seinen hellgrünen gefransten Blättern und im Sommer mit den kleinen weißen Blüten, vielleicht beugt es somit Anflügen von Melancholie bei mir vor. Der Lebenswille der Wilden, und wie sie sich an selbst gewählte Plätze setzen, erfreut immer aufs Neue.

Wer einmal Vergissmeinnicht (Myosotis) im Garten beheimatet hat, wird es nie wieder los, sagt eine alte Gartenweisheit. Zum Glück will ich sie nicht loswerden, allerdings reduziere ich immer öfter, etwa, wenn sie die Rosenpflanzen überwuchern. Sie samen sich stark aus. Als Zweijährige bilden sie im ersten Jahr dichte Blätterpflanzen aus, um dann im April/Mai des nächsten Jahres im hellen Blau zu blühen.

Es gibt sie auch in rosa und weiß. Bei uns traten diese als spontane Mutation auf, und es gelang, sie auf eine weiße Ecke zu konzentrieren. Das weißblaue Zimbelkraut (Cymbalaria muralis) wächst in den Ritzen der Mäuerchen, und obwohl es in jedem Winter erfriert, kommt es zuverlässig wieder. Dann lasse ich im Hof, zwischen den Natursteinplatten, das orangefarbene Habichtskraut (Hieracium) zu.

Unser Lerchensporn (Corydalis) gilt noch als Freund: Wenn die Vorfrühlingsblüher sich verabschiedet haben, kommt er überall, in Beeten und auf dem Rasen. Er blüht in weiß oder lila. Eine andere Sorte blüht im späten Sommer in gelb und hat klein gefiederte Blattformen. In verschiedenen Mittelmeerregionen gibt es im Februar eine ähnliche Pflanze, Coronilla valentiana, die, beispielsweise in Malta, alles überwuchert. Sie sprießt aus kleinsten Ritzen. Bei uns werden sie immer mehr und allmählich fange ich an zu fragen, wer hier mit wem spielt. Bisher aber spiele ich noch gern mit meinem Lerchensporn mit.

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.