Christian Morgenstern: „Ich habe Dir heute ein paar Blumen nicht gepflückt, um Dir ihr Leben zu schenken“

Blütenfreuden Eva LuberDiesen schönen Satz von Christian Morgenstern sollte man einfach so stehen lassen und ihn genießen. Leider gelingt mir dieses stille Genießen nicht immer, denn, wenn ich etwas schenken will, fängt bei mir das Grübeln über die komplexe Frage an: Welche Pflanze schenke ich? Zuerst scheint es einfach, ich sage mir: Wir kaufen einen Blumentopf.

Im Sommer geht das gut. Die angebotenen Zimmerpflanzen halten sich in der ungeheizten Wohnung lange und die Auswahl ist groß. Aber im Winter, wenn die trockene Heizungsluft allen zu schaffen macht, wird es schwieriger: Die schönsten Kamelien, Alpenveilchen und Farne gehen rasch ein.

Eine besonders gute Lösung für Gärtnerinnen sind Gutscheine. Großen Erfolg hatte ich auch schon mit Gutscheinen für Arbeitsstunden meiner Lieblingsgärtnerin, aber häufiger werden es Blumengutscheine. Vielleicht werden sie dann in Schnittblumen eingelöst, aber, zum Glück, werde ich es ja nie erfahren und vor allem werde ich nicht die Schnitterin sein, die den Pflanzen das Leben geraubt hat.

Meine Gartenfreundinnen wissen inzwischen, dass sie mich besser fragen, was ich mir wünsche. Denn meine Wünsche sind sehr speziell und nicht in jedem Blumenmarkt zu finden. Bis heute schäme ich mich, dass ich mir gerade von Christine einmal Chinesischen Bleiwurz wünschte. Sie fand die Pflanze erst bei der zweiten Gärtnerei. Sie sind herrlich, vermehren sich und blühen jedes Jahr aufs Neue. Aber war es wirklich nötig, dass ich sie mir gerade von ihr wünschte? Sie ist noch berufstätig und hat inzwischen zehn Enkelkinder. Vielleicht hätte ich doch lieber die angebotene Hortensie nehmen sollen, auch wenn es die dreizehnte gewesen wäre…

Gärtnerinnen machen mich mit Ablegern glücklich. Ich sagte ja schon, dass ich eine Pflanze, die sich so gut vermehrte, dass sie abgegeben werden kann, den gekauften gegenüber vorziehe. Bei den gekauften hege ich ein Misstrauen, dass sie nur mit allerlei Hilfsmitteln, von denen ich nie etwas erfahren werde, so schmuck gewachsen sind, dass sie nun zum Verkauf stehen. Aber leider machen nicht alle Ableger bella figura, selbst wenn man sie als Geschenk verpackt. Sie werden entweder nach der Blüte oder im zeitigen Frühjahr ausgegraben, wenn die spätere Schönheit höchstens von einer Kennerin geahnt werden kann.

Und, wenn ich dann im Sommer durch ein Gartencenter schlendere, auf der Suche nach einem Geschenk, vielleicht für eine Gärtnerin, lachen mich die vielen lebenden Pflanzen an und ich denke alles noch einmal durch, um vielleicht doch eine langlebige Pflanzen zum Verschenken zu finden: Sträucher und andere großwerdende Pflanzen verbieten sich, denn sie wären ja ein Eingriff in das gestalterische Gesamtkonzept der Gärtnerin. Eigentlich auch Stauden, wollen sie doch gepflanzt werden an den passenden Platz, und wenn sie dann schön gedeihen, machen sie wieder mehr Arbeit, wenn man sie teilen muss. Ein Kompromiss wären Zweijährige, jetzt im Juli sind es schöne Stockrosen oder Fingerhüte, vorher waren es Akeleien. Dann erinnere ich mich, dass gerade diese bei mir zu Mehrjährigen mutieren und auch recht viel Platz fordern.

Rund ums Jahr gibt es Orchideen; sie halten sich recht lange. Bei ihrer Herstellung in Deutschland werden sie geklont und ihre Entwicklung im gewärmten Raum kann so gesteuert werden, dass sie das ganze Jahr über verkaufsfertig sind und auch zu Zeiten vermehrten Pflanzengeschenkbedarfs gerade in schönster Blütenpracht stehen. Und weil sie so oft verschenkt werden, haben viele Hobbygärtner in ihren Wohnungen schon Reha Abteilungen eingerichtet, in denen die abgeblühten Exemplare gehegt und gepflegt werden. Besonders eignen sich Duschbäder, weil sie immer mal subtropische Temperaturen und eine hohe Luftfeuchtigkeit erreichen. Viele erleben dann das Glück, ihre Pfleglinge wieder und wieder in schönster Blüte zu sehen. Aber der Gedanke an eine Überbelegung dieser Pflanzenkliniken hält mich davor zurück, zum wiederholten Male eine Orchidee zu verschenken.

Soll es doch etwas für den Garten sein, gibt es schöne Einjährige im Topf, gerne Sonnenblumen oder auch Schmuckkörbchen (Cosmeen), und für diejenigen, die Gelbtöne mögen, kommen Studentenblumen (Tagetes) infrage. Sie werden am Ende der Saison eines natürlichen Todes sterben. Erstmal bin ich damit zufrieden.

Danach höhnt der innere Schweinehund dagegen: Ist es nicht lächerlich, so zu tun als hätten Pflanzen ein Lebensrecht? Und wie ist es, wenn es regnet oder zu kalt ist für den Aufenthalt im Garten, aber die Kühle oder auch Wärme der Wohnung uns nach Innen zieht. Und was ist mit den schönen Vasen, die im Schrank stehen, den modernen oder auch den geerbten? Und, genau betrachtet, ist eine selbst geschnittene Edelrose aus dem eigenen Garten mehr als alles Gekaufte ein Geschenk, das von ganzem Herzen kommt. Es ist eine Opfergabe.

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