Gärtnern im Laufe der Zeiten

Gärtnern im Laufe der Zeiten – damals, als ich noch keinen Garten hatte, habe ich gerne Zimmerpflanzen aus Ablegern gezogen. In den Siebzigern waren Usambaraveilchen modern, und ich lernte, aus einem Blatt ganze Pflanzen zu ziehen. Voll Stolz brachte ich sie zum Blühen. Einmal gab es sogar fünf Blüten. Allerdings zu einer Jahreszeit, als Pflanzen voller Blüten in den Supermärkten für zwei Mark angeboten wurden. Da es mir um die vielen Blüten ging, ließ mein Ehrgeiz nach. Viele meiner Gartenfreundinnen suchen ihre Erfüllung im Gärtnern beim Säen, Pikieren und Ziehen, meine Freude hieran hat mit dem Älterwerden weiter nachgelassen. Allerdings lasse ich mich inzwischen von den Enkelinnen doch wieder motivieren, Neues auszuprobieren.

Aus meiner Zeit als Zimmerpflanzengärtnerin erinnere ich mich an unseren Untermieter, eine Zimmerlinde, die Jahr für Jahr blühte und vier Quadratmeter des Wohnzimmers bewohnte, oder die Monstera, die bis an die Decke herangewachsen war… Inzwischen habe ich gar keine Zimmerpflanzen mehr, geschenkte Orchideen, Azaleen oder Alpenveilchen dürfen im Wohnzimmer bleiben, bis sie abgeblüht sind. Manchmal schenke ich mir selbst eine, aber immer mehr finde ich, Pflanzen mit Wurzeln gehören nach draußen.

Seit gut zehn Jahren haben wir eine Terrasse direkt vorm Wohnzimmer. Hier stehen die Übertöpfe und warten darauf, auch im Winter gefüllt zu werden. Früher stellte ich sie gerne an den Beeten auf, manchmal auch in die Beete, um Blühlöcher zu füllen. Inzwischen reicht mir die Terrasse. Bei deren Pflege spüre ich mein Alter kaum. Im Sommer ziehe ich dort, schneckenfrei, die Kräuter, denn die Metalltreppe stellt für die Schnecken ein Hindernis dar. Das richtige Material um Schnecken fernzuhalten hatten nicht wir gewählt, sondern die Mitarbeiter der unteren Denkmalschutzbehörde. Da wir ein Denkmal bewohnen, mussten sie den Anbau genehmigen. Wir hätten kompakter gebaut, nicht mit Metall, es sollte aber „filigran“ aussehen und ist, danke schön Euch Denkmalschützern (!), schneckensicher geworden.

Die nicht winterharten Kübelpflanzen habe ich reduziert. Jahrzehnte lang hatte ich einen großen Lorbeer, den mir eine Freundin zur Doktorarbeit geschenkt hatte, zwei große Zimmerhibiski, die mich über zwanzig Jahre lang begleiteten, und sechs Oleander, von denen einige aus Ablegern, mitgebracht von Spanienreisen, gezogen waren. Und zwei Trompetenblumen (Brugsmannien, zu der Zeit hießen sie noch Datturien), klein gekauft bei Schlecker, für unter zwei Mark, die dann übermannsgroß geworden sind. Mit den Geranien machte das im Winter ein Dutzend Töpfe, die unser Sohn, wenn Frost drohte, zeitnah in Sicherheit bringen, also auf den Dachboden schleppen musste. Irgendwann wurde es uns allen zu viel und ich ließ sie im Winter draußen. Bei den Oleandern war ich tatsächlich etwas froh, als sie eingingen, sie hatten außer ihrem Grün doch wenig Farbe gebracht. Neues Konzept war nun, im Garten nur noch Winterharte zu halten.

Die erste Ausnahme wurde bei den Kamelien gemacht. Bis sie stark genug sind, die Winter draußen zu überleben, brauchen sie ein Winterquartier. Seit dem Bau der Terrasse vor gut zehn Jahren gibt es unter ihr einen Wintergarten, der aber vor unserem Schlafzimmer ist, sodass der Anblick der dort überwinternden Pflanzen dem Auge schmeicheln muss. Die wintergrünen Kamelien, vor allem wenn sie blühen, entsprechen diesem Anspruch.

Hinter den Kamelien werden noch versteckt: ein kleiner Hibiskus und seit fünf Jahren auch ein Solanum, ein blauer Enzianbaum. Als ich ihn geschenkt bekam, war ich nicht erfreut. Als nicht winterharte Pflanze hatte er ja nicht in mein Konzept gepasst. Im Herbst ließ ich ihn bis tief in den November draußen, er blieb grün und seine Blätter wichen nicht. Irgendwann rührte mich sein Lebenswille, und ich nahm ihn doch rein, und inzwischen hat er sich in unser Herz geblüht. Wozu er fähig ist, sah ich auf einem großen Platz in Ludwigsburg. Dort waren mehrere große Pflanzen in Kübeln aufgestellt. Die Stämmchen waren über einen Meter hoch, und die blühenden Zweige hingen herunter. Ich schneide meinen fast bis an sein Stämmchen zurück, wenn ich ihn im Herbst hereinhole. Er verliert dann die Blätter, aber kommt im Frühling mit kräftigen Trieben wieder. Inzwischen reichen seine Zweige über zwei Meter hoch, und er blüht und blüht den ganzen Sommer durch. Manchmal schläft die Katze in seinem Topf.

Der Stiefvater meines Mannes, der vor uns und einige Jahre mit uns hier gelebt hatte, war
Diplom-Gärtner. Ein Gärtner, dem die Gestaltungslust in den Jahrzehnten seines Berufslebens abhandengekommen war. Zwei Dinge waren ihm noch wichtig: eine Wand zum Nachbarn im Sommer mit Kletterbohnen zu bepflanzen und zwei große Geranientöpfe an exponierter Stelle zu platzieren und sie über den Winter zu bringen. Als er starb, dachte ich zuerst, dass wir damit nun aufhören könnten, aber in dem Vierteljahrhundert, das seither vergangen ist, haben wir die Gedenkgeranien immer gut platziert und meist auch durch den Winter gebracht. Er hat mir gezeigt, dass gärtnerischer Ehrgeiz mit dem Alter abnehmen kann. Die Lehre für mich: lieber jetzt alles umsetzen, was ich plane, als es auf später zu verschieben!

Im letzten Jahr waren wir dreimal zu 70. Geburtstagen eingeladen, der eigene runde Ehrentag kündigt sich nun genauso an, wie vor Jahren der fünfzigste und der sechzigste. Die Gespräche damals kreisten um die Kinder, mehr und mehr um die eigenen Eltern, die Sorgen machten. In unserem reiferen Alter geht es vermehrt um uns, und, wenn man sie hat, die Enkelkinder oder den Garten. Die gärtnerische Zufriedenheit verhält sich umgekehrt proportional zur Größe der Gärten. Eine Gärtnerin hatte schon beschlossen, dass sie in spätestens zwei Jahren das 1500 Quadratmeter große Anwesen aufgeben würde. Es ist ein Wochenenddomizil und die nächsten Besuche, es war Herbst, würden der Beseitigung von vielen Tonnen Laub gewidmet sein. An eiserner Disziplin fehlte es ihr nicht, aber die Kräfte lassen nach. Ich schwärmte ihr von Gartenhilfen vor, aber ihr Mann, ein, wie sie, gut versorgter Rentner, war dagegen, für so etwas Geld auszugeben. So schnell kann ein Paradies zur Strafarbeit werden.

Eine rüstige Freundin hat nun, mit 85 Jahren, beschlossen, die Zahl der Stauden zu verringern und Blühsträucher an deren Stelle zu setzen. Sie nimmt Abschied von einem Teil der großen Sammlung von Taglilien. Allerdings schützt auch die Altersweisheit nicht vor kleinen Rückfällen: Neulich gestand sie mir, dass sie sich doch wieder eine Taglilie, die sechsundzwanzigste, gekauft hätte. Eine andere begnügt sich im Garten mit dem vielen Grün und konzentriert sich auf blühend gekaufte Kübel auf der Terrasse. Eine andere redet, seitdem sie 81 Jahre alt geworden ist, gerne davon, dass sie ja nun keine achtzig mehr sei. Sie war so konsequent, schon seit Jahren eine Wohnung mit Balkon zu bewohnen. Und sie erwägt, die Balkonbepflanzung künftig von einer Fachkraft gestalten zu lassen.

Ich hoffe, meine Stauden und die Zwiebelblüher noch lange halten zu können. Ich nehme mir vor: Die jüngeren Gartenmitnutzer/innen mit besonders schönen Staudenerfahrungen auszustatten, vielleicht machen sie dann einfach weiter, wenn ich es nicht mehr kann, aber doch wenigstens durch das Fenster die Blüten sehen möchte. Vielleicht wird meine Lieblingsgärtnerin ihnen dabei helfen.

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