Hochsommer

Hochsommer-1Der Schmetterlingsflieder macht seinem Namen alle Ehre: der weiße, der sich selbst ausgesät hat und direkt vor der Terrasse steht. Den ganzen Tag lockt er Schmetterlinge an, manchmal kommen sie in Scharen. Mitten in der Großstadt gibt es Tagpfauenaugen, Distelfalter, kleine Füchse und einige Weißlinge zu sehen. Wir sitzen und gucken, und wenn ein neuer dabei ist, wird er im Schmetterlingsbuch aufgesucht.

Die Phloxe blühen und duften. Sie haben sich stark vermehrt und bilden blühende Wände. Die Hortensien setzen ihre Bälle dazwischen, am meisten gefällt mir Annabelle, sie blüht jetzt wie ein Blumenkohlkopf, um dann später ins cremig-grünliche zu wechseln. Die Sonnenhüte blühen in Weiß und Rosa, auch die gelben fangen an. Die Sterndolden und meine Einjährigen, die Sonnenblumen, Balsaminen, Trichterwinde und Schmuckkörbchen kommen dazu, und Rosen und Lavendel sind unerschöpflich. Wie die Schmetterlinge drängen sich die Hummeln in die Blüten und brummen. Einschläfernd schön und beruhigend.

Es gibt kaum etwas zu tun im Garten, jetzt haben Ruhe, Gelassenheit und Faulenzen ihre Zeit. Inzwischen kann ich das besser. Nur das Wässern ist jetzt ein Muss. An den Stellen, wo der Regen nicht hinkommt, und wenn es trocken ist, sowieso. Die Hortensien bekommen immer einen extra Schluck, wenn sie blühen und die Blätter in der Hitze hängenlassen.

Hochsommer-2Und eigentlich ist ja keine Pflanzzeit. Da kann man sich die Kataloge für Rosen und anderes, was man sich zuschicken lassen kann, angucken. Die bekannte Gärtnerin und Gartenautorin, Vita Sackville-West, hat das oft beschrieben. Aber noch geht es ja um das Dösen und Träumen. Ich besuche Gärten, Parks oder einfach Gartencenter und gucke, was es alles Schönes gibt, manchmal aber auch nur um zu sehen, dass es bei mir schon sehr schön geworden ist. In Berlin gefallen mir, in meinem Radius, besonders der Olivaer Platz und der Savignyplatz. Die Anlagen dort haben Stauden und Gräser. Eine späte Entdeckung war der Garten von Hannah Höch im Norden Berlins. Und zu Foersters in Potsdam muss ich immer wieder hin. Auf Reisen, selbst wenn sie in Länder mit anderem Klima gehen, gibt es neue Anregungen. Am besten ist es aber bei den Gartenfreundinnen in der Nähe, denn alles, was bei meinen Nachbarinnen gedeiht, wird es auch bei mir, und ihre Ableger werden gut angehen. Für den Herbst melde ich jetzt schon meine Bitten an.

Manchmal reicht das Träumen nicht mehr. Jetzt weiß ich doch ganz genau, was in die Ecke mit dem leuchtenden Rot passt. Die blaue Glockenblume, die sich da selbst ausgesät hat, leider nicht. Wenn sie abgeblüht ist, kommt sie auf die blaue Seite. Und die orangerote Taglilie, die in Richtung Barkarole wuchert, wird geteilt und kommt neben die orangefarbene Lilie. Den rosafarbenen Phlox der Nachbarin könnte ich gut neben den weiß-rosa pflanzen, wenn ich nach der Blüte die Pflanze teile. Es bekommt dem Phlox sowieso gut, wenn er alle zwei bis drei Jahre geteilt wird.

Wenn ich einfach keine Ruhe halten kann, pflanze ich eben im Hochsommer, wenn das Wetter es erlaubt, es also über mehrere Tage feucht und kühl ist. Genau die passenden Farbtöne zusammenzustellen, zum Zeitpunkt ihrer gemeinsamen Blüte ist den Stress wert, den man den Pflanzen damit antut. Danach gehen zwar die Blüten nicht weiter auf oder sie verblühen schneller, aber im nächsten Jahr ist alles wieder gut und viel besser als vorher.

Vita Sackville-West hat einen blühenden Zweig zur Probe abgeschnitten und dann zu den Blüten am vorgesehenen neuen Ort gehalten. Sie entwickelte einen Plan und hat zur Pflanzzeit entsprechend umgestellt. Bei meinem Gedächtnis ein heikles Unterfangen, deshalb pflanze ich, wenn nötig, direkt zur Blütezeit um. Wenn ich mich wegen meiner unpassenden Aktivitäten schlecht fühle, tröste ich mich damit, dass Vita zwei festangestellte Gärtnerinnen hatte, zwei deutsche Frauen, die auch nach ihrem Tod den Garten jahrzehntelang weiterpflegten. Vielleicht konnte sie auch deshalb die Ruhe und Trägheit des Hochsommers ausgiebiger genießen als ich.

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