Knospenknall

Gestern ist der Frühling mit Knospenknall ausgebrochen. Die Menschen auf den Straßen sind beschwingt und bewegen sich anmutig, grüßen überschwänglich. Sind die Straßen nicht auch voller geworden? In unserem Garten tummeln sich alle Hausbewohner, jeder begrüßt die neue Zeit auf seine Weise. Die Enkelkinder arbeiten mit Sand, Erde und Steinen und belegen die Treppen mit ihren Produkten. Da das Wasser im Garten noch abgestellt ist, müssen sie mühselig die Treppe hochlaufen, um in der Küche Wasser zu holen. Sie brauchen viel Wasser und gehen oft. Da die Freude so ansteckend ist, werden sie nicht gestört oder ermahnt, keinen Sand oder gar Erde auf der Treppe zu verschmieren oder hereinzutragen.

Das große Mädchen füllt Schalen mit kleinen Vorfrühlingsblühern und bedeckt den Grabstein des vor Jahren verstorbenen Katers damit. Ein toter Vogel wird im selben Grab verbuddelt und bekommt etwas vom Blumenschmuck ab. Die kleine Schwester deckt ein Tischchen mit Untersetzern, auf dem frische Gras-, Blumen- und Laubsalate angeboten werden. Ich bin weiter milde gestimmt und auch etwas stolz, nicht nur weil sie so schön spielen, sondern auch weil wir so viele Blumen haben, dass man den Verlust nicht merkt. Oder liegt es daran, dass sie ganz behutsam nach der Methode der Indianer pflückt? Indianer lassen keine sichtbaren Lücken entstehen, wenn sie der Natur etwas für ihren Bedarf entnehmen.

Außerdem wird dieser ganze Rausch von Winterlingen, Schneeglöckchen und Krokussen in zwei Tagen vorbei sein. Die Knospen knallen jede auf ihre Art auf. Während die Winterlinge und Schneeglöckchen sich verkleinern, nur dürftiger werden und das Gelb der Winterlinge ins Bräunliche verblasst, entfalten sich die anderen und formen große Sterne. Die Märzenbecher bewahren Haltung. Zum Glück sind die Christrosen alle im Schatten und bleiben in großer Beständigkeit am Blühen. Vor allem die weißen hellen das Dunkel in ihren Ecken auf. Auch die Puschkinien halten sich aufrecht.

Die erwachsenen Männer machen Frühlingsputz im Garten, schneiden, harken und häckseln. Sie streiten sich sogar, wer den neuen Häcksler zuerst bedienen darf. Der ist klein und macht nur einen unterdrückten, schnurrenden Laut. Ich freue mich, dass die entstandenen Stapel mit Gartenabfällen wirklich schnell verschwinden.

Die Kindsmutter sitzt in der Sonne und genießt, dass die Kinder schon so groß sind, und sie sich ganz lange, ohne aufzublicken, in ein Buch vertiefen kann. Und ich, die Oma, kann nicht lange sitzen, sondern laufe mal hierhin, mal dahin und gucke, was alles wächst, oder doch wenigstens bald kommen müsste.

Als erste stecken die Maiglöckchen ihre Blätter aus der Erde, wie eine spitze, dunkelgrüne Rolle. Dann werden sie für eine Weile nur langsam größer, und etwa die Hälfte der Pflanzen bleibt dann so stehen, ohne zu blühen. Irgendwann steht, recht unauffällig, der Waldmeister daneben. So richtig bemerkt man ihn erst, wenn er blüht, er duftet stark und lieblich. Bei uns duftet er stärker als die Maiglöckchen. Die Herbststauden mit den großen Horsten, die Astern und die Eisenhüte, zeigen sich.

Überholt werden sie alle von den rasch wachsenden Salomonsiegeln. Sie treiben ihren schlangenartigen Kopf rasch in die Höhe, und in wenigen Tagen blühen sie mit ihren kleinen weißen Tröpfchen, die unten am bogenförmigen Zweig hängen. Fast zeitgleich treiben die Tränenden Herzen. Der Bärlauch hat hellere, gestielte Blätter. Eine Gartenfreundin will ihn nicht haben, aus Angst, sie könnte ihn mit den giftigen Maiglöckchen verwechseln. Sie kennt eine Familie, die Maiglöckchen als Bärlauch verspeisten und sehr krank wurden. Salomonsiegel ist übrigens auch giftig, aber zum Glück nicht zu verwechseln mit Maiglöckchen.

Bei den Rosen gucke ich lieber noch nicht so genau hin, ich befürchte, dass wieder viele eingegangen sind. Kaufen muss ich eine Lavendelheide (Pieris), und der Rosmarin muss wohl auch ersetzt werden. Aber jetzt setze ich mich doch noch etwas in die Sonne, bevor es wieder kühler wird.

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