Der Autor ist Psychiater und Psychotherapeut in einer Berliner Klinik und leitet in der Charité den Forschungsbereich Affektive Störungen. Sein neues Projekt ist das Interdisziplinäre Forum Neurourbanistik, welches die Auswirkungen des Stadtlebens auf die Strukturen des Nervensystems untersucht. Aufgabe des Gehirns ist „dafür zu sorgen, dass sich sein Besitzer an Gegebenheiten seiner Umwelt anpassen kann.“
Also sind die Gehirne von Menschen, die auf dem Lande aufwachsen anders als die derer, die in der Stadt aufwuchsen. Adli beschreibt, welche strukturelle Veränderungen sichtbar gemacht werden können. Und Stadtmenschen haben ein höheres Risiko für psychische Probleme, etwa für eine Schizophrenie.
„Und dennoch: Stadt“ heißt das nächste Kapitel und es geht weiter mit den Vorzügen des Lebens in der Stadt. Städte waren schon immer anziehend, seit Kurzem leben mehr als die Hälfte der Menschen in der Stadt, die Vereinten Nationen vermuten, dass es 2050 siebzig Prozent sein werden. Deshalb geht es um die Entwicklung der Städte, beginnend, wie das Leben in ihnen früher war.
Madli stellt dar, welche Aspekte des Lebens in der Stadt welchen Personen schaden und untermauert dies mit wissenschaftlichen Studien, dazu jeweils Vergleiche mit denen, die auf dem Lande leben.
Dies geschieht in 15 Kapiteln auf 350 Seiten plus 30 Seiten Quellen, bzw. Register.
Für die Neurourbanistik braucht es die Kooperation verschiedener Experten, Soziologen, Stadtplaner, Architekten und Kulturmenschen, um nur einige zu nennen; zehn Personen werden in Interviews um ihre persönliche Meinung gebeten, und, um diesen Aspekt zu betonen, wird jede/r nach dem Lieblingsort in der jeweiligen Lieblingsstadt gefragt.
Gut gefiel mir Enrique Penalosa, der ehemalige Bürgermeister von Bogota, der schon 1998 begann, Fahrradwege zu planen: “dann sollten auch alle das gleiche Recht auf den Straßenraum haben.“ Später fasst Penalosa zusammen: „die kindgerechte Stadt ist eine gute Stadt.“
Und Richard Sennett, der Stadtsoziologe, propagiert die „offene Stadt.“ In ihnen kann man (Menschen) „ermöglichen, in ihrer Unvollkommenheit zu leben.“ Kinder, die in den USA in Gated Communities aufwachsen, seien auf die Welt draußen, etwa im College, nicht vorbereitet. Und: unter ihnen mehr Trump Wähler.
Für Studien über das heutige Aufwachsen der Kinder ist das Buch eine Fundgrube. Kinderbezogene Aspekte werden erläutert, etwa die Zunahme der Diagnose ADHS, und wie unterschiedlich diese Diagnose und ihre Therapien für Kinder in Stadt und Land sind.
Da gibt es Urban 95: Es ist nicht eine Jahreszahl, sondern die Frage; wie sehen etwa 3-jährige Kinder, die 95cm groß sind, die Welt. In Oslo hat das Projekt dazu geführt, dass straßenbegleitende Hecken soweit runtergeschnitten wurden, dass Dreijährige Straßen überblicken können. Oder die Tatsache, dass noch 1970 in London rund 80% der Drittklässler allein zur Schue gehen, heute kaum noch. Als Anhängerin der Waldkindergarten muss ich lesen, dass dies „naturromantische Pädagogik“ sei.
Und zur Bedeutung der Kultur, die in Städten eher zu finden ist, weiß der Opernregisseur Barrie Koski: „dass die Emotion die Straße zum Denken bildet.“ Und wie man Kinder für Opern begeistern kann.
In einem anderen Unterkapitel „Mehr Grün“ im Kapitel „Stadt und Gesundheit“ heißt es: „Der Einfluss der Straßenbäume, Grünflächen und Stadtparks auf die körperliche Gesundheit ist gut untersucht.“ Und das wurde vor zehn Jahren geschrieben; das Buch erschien 2017!
In Barcelona wurden Grundschulkinder untersucht. Je grüner die Wohn- und Schulumgebung, desto besser Gedächtnis- und Aufmerksamkeit. Nun wird die Menge an Grün in der Umgebung auch durch die soziale Stellung der Familie bedingt, aber Studien an eineiigen Zwillingen (womit wenigsten genetische Faktoren ausgeschlossen sind) bestätigen dies in Seattle. Und eine „recht originelle Studie“ aus Baltimore zeigt, wie Baumkronen, die dichter beieinander sind, menschliche Begegnungen fördern. Als Unterstützerin des BaumEntscheids in Berlin lese ich das gerne.
Am besten gefielen mir allerdings nicht diese Studien, die ja der Grund für meine Lektüre waren.
Es ist die persönliche Herangehensweise, die mit beim Lesen gefiel: seine eigene Biografie als Diplomatenkind in einer Bonner Waldorfschule, dann als Zehnjähriger zurück in Teheran, gerade zur Zeit der islamischen Revolution, wonach die traumatisierte Familie emigrierte. Dies ließ ihn einen Schwerpunkt auf die Gesundheit der (meist in Städten lebenden) Migranten legen.
Als Stressforscher findet er in Berlin seine Studienpopulation, und wird der Stadt gegenüber auch väterlich, deshalb als Schlusswort: „Gleichzeitig befindet sich Berlin aufgrund seiner Vielfalt und seiner Unfertigkeit in einer Art Dauerpubertät, die uns fasziniert. Fast hat man den Eindruck, als würde uns diese Stadt, die sich ständig entwickelt und entfaltet, anstecken, sodass wir ihr es in dieser Hinsicht gleich tun.“
