Die Zeiten ändern sich

Die Zeiten ändern sich, und wir ändern uns mit ihnen, heißt es so schön. Im Hochsommer grübele ich gerne über die Veränderungen in unserem kleinen Stadtgarten und bei seinen Mitbewohnern. Ich las gerade noch einmal das Kapitel Gartenbeobachtungen, es wird über zehn Jahre her sein, dass ich es schrieb, manches ist geblieben, aber natürlich passt keines der Enkelkinder mehr auf meinen Schoß.

Die schlechte Nachricht vorweg: Schöne Schmetterlinge kommen nicht mehr zu hauf. Hier und da ein Admiral, einmal ein Tagpfauenauge und vielleicht eine Handvoll Weißlinge. Nostalgisch kommt als Foto ein Schwalbenschwanz von vor zwei Jahren. Wie lange es wohl dauert, bis sich die Natur erholen kann, wenn endlich weniger Pflanzengifte ausgebracht werden? Zu dieser Hoffnung empfehle ich die Rezension von Die Akte Glyphosat!

Manches ist gleich geblieben: Ich beschrieb schon den Kampf gegen die Schnecken, die ich mit der Schere töte. Inzwischen gehe ich fast jeden Abend nach Einbruch der Dunkelheit (um die Sommersonnenwende musste man lange darauf warten) und jage sie. Die Nacktschnecken scheinen kannibalische Gelüste zu haben: wenn ich nach einer Weile zum Tatort zurückkehre, sind manchmal neue Schnecken gekommen, um die Überreste ihrer Verwandten zu vertilgen. Manchmal begegne ich dem einen Nachbarn, der, so wie ich, mit Grubenlampe und Schere unterwegs ist. Wir tauschen uns dann gerne über die heutige Schneckenerlegequote aus. Einmal konnte ich stolz von 140 Schnecken berichten. Sein persönlicher Rekord sind 640!

Die Mäuse sind unsere Freunde geworden, wir lassen sie im Vogelhaus futtern. Gerne kommen sie nachts, dann sind auch keine störenden Vögel da. Bei den Ratten ist es so geblieben, wie beschrieben: wenn sie überhand nehmen, wird Gift ausgelegt. Irgendwann wurde es nicht mehr nach Bestellung mit der Post zugeschickt, mein Mann hatte sogar erwogen, einen Schein zu erwerben, der dafür notwendig sei. Dann ging es aber doch, wenn man es in den Niederlanden bestellte.

Foto: Leonie Luber

Das Eichhörnchen kommt täglich und holt sich neue Nüsse. Allerdings öffnet es sie nicht mehr Vorort, sondern rennt damit weg. Es verbuddelt sie auch nicht mehr, sondern legt sie einfach unter großen Blättern ab. Bisher musste ich aber noch keine Nussbäumchen ausreißen. Als Neuzugang kam ein Waschbär, eines Nachts guckte er wohl, ob noch was im Vogelhaus zu finden wäre. Und eine Nacht zuvor war er bei unserem Nachbarn. Da wurde es dramatisch und traumatisierend: Die Nachbarin guckte in einem der hinten stehenden Töpfe auf ihrer Terrasse, als ein ausgewachsener Waschbär runterkullerte, auf ihre bloßen Füße. Sie muss gellend geschrien haben. Der Waschbär war nicht so beeindruckt: Nachdem er fotografiert worden war, näherte er sich fauchend dem Fotografen.

Bei uns führt das zu Streitgesprächen mit der jungen Familie, die mich an die Kampfzonen im Garten erinnerten. Während wir Alten das gierige Tier, das schon einmal in unserer Küche Hühnerfleisch vom Tisch gestohlen hat, nicht dabei haben wollen, finden die Enkelkinder (und sogar ihre Eltern) es süß. Willy haben sie ihn genannt. Unsere Enkelkinder haben ihn dann auch in possierlichen Posen fotografiert. Wir hingegen sind nun informiert über geeignete Vergrämungsmaßnahmen in Berlin, Brandenburg und Niedersachsen (je nachdem, wo unsere Gesprächspartner herkamen) und planen ihn loszuwerden. Zum Glück ist er seit einem Monat nicht mehr gekommen, sodass der Streit (noch) nicht weiter eskalierte …

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