Gartenbeobachtungen

Gartenbeobachtungen

Als Leonie, die erste Enkeltochter, klein war, fingen wir mit Gartenbeobachtungen an. Am besten geht es im Sommer, wenn man auf der Terrasse sitzt, manchmal machen wir auch Straßenbeobachtungen, dann setzten wir uns auf die Stufe vor der Haustür und sehen auf die Straße. Im Winter setzt man sich ans Gartenfenster. Wenn man gut sitzt, vielleicht mit einem Kind auf dem Schoß, guckt man einfach und erzählt sich, was man gerade sieht. Immer sind Vögel da, vor allem um das Futterhaus herum. Immer sind es Blaumeisen und Kohlmeisen, in dieser Reihenfolge. Das war früher anders, da waren Blaumeisen sehr selten. Meine Schwiegermutter, die auch in diesem Haus lebte, war einmal ganz stolz, dass Blaumeisen im Garten nisteten, und nicht die gewöhnlichen Kohlmeisen. Zum Schutz vor den Katzen hatte sie Stacheldraht um den Baum gelegt, an dem der Nistkasten war.

Manchmal kommen Eichhörnchen, auch zum Futterhaus. Die setzen sich dann frech in die Mitte und fangen an zu futtern. Eichhörnchen sind selten zu zweit, höchstens mal im Frühling, wenn sie sich paaren. Einmal hatten Amseln auf einem Spalier an der Hauswand ein Nest gebaut, und schon drei Tage gebrütet, als plötzlich das Nest leer war und unten am Boden Reste von Amseleiern lagen. Wir hatten schon die Katze im Verdacht, obwohl es eine akrobatische Leistung gewesen wäre, an das Nest zu kommen. Aber der Nachbar erzählte, dass er ein Eichhörnchen beobachtet hätte, als es das Nest ausraubte.

In den Zeiten der Wende, als die Mauer und Grenzstreifen um Berlin fielen, waren Eichhörnchen tollwutgefährdet. Die nicht geimpften Füchse waren in neue Bezirke, zum Beispiel in die Berliner Innenstadt, gekommen und hatten andere Tiere mit Tollwut angesteckt. Zweimal haben unsere Kater (damals hatten wir zwei) an dieselbe Stelle im Kellerflur vor die Speisekammer ein totes Eichhörnchen gelegt. Sohn Max hatte den Fundort mit Kreide ummalt, so wie die Leichen in Krimis. Das erste hatten wir noch auf Tollwut untersuchen lassen, beim zweiten haben wir darauf verzichtet.

 

Damals, als Leonie klein war, wohnten Marder auf dem Dach des unmittelbaren Nachbarn. Man konnte sie gegen Abend beobachten, wie sie vom Dach in die haushohe Tanne sprangen und dann am Stamm herunterkletterten. Einmal war unser Kater da und hat sie gejagt, aber nicht erwischt. Schnell waren beide und stießen Kampfschreie aus, ein richtiges Spektakel.

Die Katze jagt Frösche und Kröten und lässt sie halb angefressen auf dem Rasen liegen. Das bringt uns zu den mörderischen Seiten von Minou, der Katze. Ich hatte schon gehofft, sie würde nur noch Mäuschen bringen. Aber in diesem Frühjahr waren es mehrere Jungmeisen. Am liebsten bringt sie ihre Beute ins Haus. Wir mussten neulich eine kleine Meise im Wohnzimmer einfangen, um sie in den Garten fliegen zu lassen. Mit Mäusen spielt sie dann im Zimmer und lässt sie dabei laufen. Wenn die Maus lange Zeit nicht zu sehen ist, verliert sie das Interesse und geht wieder raus. Die Maus lebt dann weiter mit uns in Stube und Küche, nachts frisst sie vom Katzenfutter. Manchmal finden wir beim Umräumen mumifizierte Mäuse. Meist gelingt es aber rechtzeitig, sie mit der Lebendfalle zu fangen, die Enkelkinder bringen sie wieder ins Freie.

Einige Kater streunen im Garten herum, mehrere Jahre lang kam jeden Tag Janosch bis in die Küche und fraß die Reste vom Feuchtfutter, die Minou stehen lässt. Früher kamen viele Kater, vor allem, als Minou rollig war. Ich habe mich sehr gefreut, denn ich wollte gerne Kätzchen und hatte schon befürchtet, alle Kater in der Umgebung wären kastriert, so wie Janosch. Ich hatte schon mit der Tierärztin gesprochen, die auch keinen Rat wusste. Der Vorschlag, eine Kontaktanzeige von Minou mit Ganzkörperfoto an den Laternenmasten anzubringen, wurde von der Familie verworfen. Aber dann gab es sogar zwei mögliche Väter der Katzenkinder, der rot-getigerte setzte sich schließlich durch. Minou mochte den anderen mehr, aber sie hatte wohl keine Wahl. Mir gefielen die drei roten Tigerkätzchen besonders gut. Eine Zeit lang kam der rote Tiger noch hierher zum Futtern.

Immer wieder mal haben wir Ratten im Komposthaufen, obwohl wir schon lange keine gekochten Reste in den Bioabfall werfen. Ein leider verstorbener Kater in der Straße hatte sich auf sie spezialisiert, aber unsere Katzen und die bekannten Streuner gucken weg, wenn sie eine Ratte sehen. Als Vergrämungsmaßnahme nutzte es auch nicht, alles unter Wasser zu setzen. Auf ihrer Flucht hatte sich eine kräftige Ratte im Drahtgitter des Komposthaufens eingeklemmt. Als mein Mann sie mit dem Spaten erschlagen wollte, kam Leonie dazu. Sie war 8 Jahre und protestierte lauthals, sprach noch die Nachbarn an und erreichte, dass die Ratte gerettet wurde und sich gleich im Kompost zurückzog. Wer will schon vor so viel Zeugen als Rattenmörder dastehen? Dann waren sie einige Jahre weg, aber nun sind sie wieder da.

Einen Frühling gab es Nachtigallen, sie sangen sogar tagsüber. Das sind eigentlich Sprosser, sagt das Vogelbuch. Jedenfalls sang sie oder er schön und sehr laut, auch tagsüber. Sie suchte wohl ein Nest, aber hat es dann, hoffentlich, woanders gefunden.

In den Übergangszeiten, also Oktober und März, hört man manchmal die Kraniche schreien und sieht hoch oben ihre V-Formationen. Überhaupt ist in dieser Zeit die Vogelauswahl am größten, es kommen viele für ein, zwei Tage und danach sind sie nicht mehr zu sehen: Buchfinken, Kernbeißer, Zeisige und Birkenzeisige, einmal ein Gimpel. Ein Bekannter hat sich im zeitigen Frühling in seinem Garten mit einem Gartenrotschwanz unterhalten. Das ging so: Er hat in seinem Smartphone über NABU abrufbare Vogelstimmen gefunden. Der echte Vogel hat der Stimme aus dem Telefon geantwortet und andersrum. Mir gefällt der Gedanke nicht, was weiß ich denn, was der Vogel gerade sagt? Sagt er, willst Du die Mutter meiner Kinder sein? Und vielleicht sagt sie, mit so einem Angeber wie Dir will ich nichts zu tun haben! Ich glaube, es gefällt mir auch deswegen nicht, weil es für die Vögel vergebene Liebesmüh ist.

Gesichtet wurde einmal, als die Kätzchen klein waren, ein Habicht, der sogleich die Katzenmutter auf den Plan rief. Ihre Kleinen liefen im Garten herum und versteckten sich, nach ihren Warnlauten, im Gebüsch. Der Habicht nistet regelmäßig in der Stadt, einige Kilometer von uns entfernt. Einmal dachten wir, ein Storch wäre da. Es hätte so schön gepasst, denn er flog direkt in den Garten des Hauses, in dem eine Schwangere wohnte. Aber es war ein Reiher, der sich hierher verirrt hatte. Als wir dies den Nachbarn erzählten, berichteten sie, dass vor einigen Jahren ein Reiher im Garten einer Nachbarin einen edlen Koifisch aus dem Schnabel fallen ließ. Das kostbare Stück ist dann leider im Wassereimer verstorben. Wir haben ja keinen Teich, aber es lohnt sich, Berliner Gartenteichbesitzer nach ihren Erfahrungen mit Reihern zu fragen. Neulich sah ich sogar ein über den Teich gespanntes Netz, welches dem Reiher die sichere Goldfischbeute vorenthalten sollte.

Im Sommer, auf der Terrasse, finden die längsten Gartenbeobachtungen statt: Dann sitzen wir vor dem Schmetterlingsflieder, der sich selbst so ausgesät hat, dass seine Krone direkt vor uns ist, mit vielen Schmetterlingen. Die Tagpfauenaugen kommen so häufig, dass man sie trotz ihrer Schönheit kaum noch wahrnimmt. In einem Jahr waren viele Distelfalter da, im nächsten Jahr waren es mehr kleine Füchse. Und immer wieder sehen wir Admirale. Leider war ich alleine, als ein Schwalbenschwanz uns besuchte.

Die für Kinder wichtigen Sachbücher über Vögel, Schmetterlinge und, neuerdings auch Kochbücher, sind so eingeräumt, dass Kinder sie gut erreichen können. Wir schlagen in den Büchern nach. Die Namen mancher Schmetterlinge sind wirklich zu komisch: Möchtest Du Natterwurz Perlmutterfalter heißen, oder braunkolbiger Braun-Dickkopffalter? Gerne lesen wir auch über ihre Zeit als Raupe Nimmersatt und wissen zum Beispiel, dass der Zitronenfalter immer ein Männchen ist, weil die Weibchen so weiß sind wie Kohlweißlinge. Das Schmetterlingsbuch ist inzwischen ergänzt durch die kleine Inselveröffentlichung Schmetterlinge von Hermann Hesse, wegen der schönen gemalten Bilder.

Die Hummeln an den Disteln und die Bienen machen meist Freude, vor allem, weil wir sie von Ferne beobachten, bekämpft werden dagegen die Wespen. Ein Jahr war so schlimm, dass man sich schwer dazu entscheiden konnte, draußen zu essen. Naja, bekämpft werden ebenfalls die Nacktschnecken, die Lilienhähnchen und, wenn es zu viele werden, die Blattläuse und Ratten. Aber wir hatten noch nie Wühlmäuse, Maulwürfe, Rehe, die Rosentriebe anknabbern, Kaninchen oder Wildschweine. Im tiefsten Winter war einmal ein Fuchs zu sehen. Er hinterließ seine Spuren im Schnee.

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