Der weiße Garten

Am bekanntesten ist wohl der weiße Garten von Vita Sackville-West in Sissinghurst im englischen Kent. Man sollte ihn im Juni besuchen, wenn die weiße Rose mit einem Baldachin aus Blüten die Gartenlaube zudeckt. Bei unserem Besuch regnete es sehr stark und das Weiß ging als Gesamteindruck in einen grauen Ton über. Jahre später lese ich im Vita gewidmeten Kapitel des Buches Kluge Frauen und ihre Gärten, dass er als „grau-grün-weißer Garten“ geplant war, wo den grauen Blättern der Schwertlilien eine farbgebende Rolle zugedacht war. An anderer Stelle redet sie sogar vom „grau-grünen“ Garten.

Von einer deutschen Gärtnerin, Helga Urban aus dem Hessischen, gibt es ein schönes Buch Ein weißer Garten (Ulmer). Wenn ich einmal einen Garten ganz neu anlegen dürfte, wäre dies durchaus eine reizvolle Möglichkeit. Aber, wie die meisten von uns, habe ich einen Garten übernommen, in dem schon alle Farben vertreten waren. Aus Neugier habe ich mir alle Pflanzen aufgeschrieben, die es in weiß gibt und von denen ich weiß, dass sie in meinem Garten gedeihen. Wenn es dann diesen Wunschgarten gäbe, sähe er so aus: Es geht im Winter los mit den Christrosen, das Weidenkätzchen mit seinen silbrigen Blüten wirkt von weitem auch weiß, da man die gelben Stempel nicht erkennt, dann kämen die Schneeglöckchen, die Märzenbecher, weiter hinten sind es die Krokusse, die Narzissen und Tulpen, die Puschkinien, Glanzsterne und sogar die Schachbrettblume gibt es ganz in weiß. Im April schwebte dann oben eine Clematis montana alba über meinem Traumgarten.

Alle Obstbäume blühen in Weiß. Vergissmeinnicht gibt es auch in Weiß, Waldmeister und Bärlauch sind es sowieso. Maiglöckchen, Waldlilie, Salomonsiegel und Tränendes Herz, und dann sind wir schon im Frühsommer. Weiter oben der Flieder oder es rankt ein weißer Blauregen, sie sind noch schöner als Clematis.

Dazu die Blühsträucher, die uns bis in den Sommer tragen, Jasmin und Falscher Jasmin werden abgelöst vom Schmetterlingsflieder und den Hibiski. Und überall ganz viele weiße Rosen, als Bodendecker, als Edelrosen und als Sträucher. Auch im Hochsommer gäbe es genug, sehr helfen da die Hortensien, meine vier Annabelle haben an vier Stellen je einen Haufen großer weißer Kugeln und weiter unten blühen die Phloxe. Weiße Echinaceen sind ein wenig durchsichtig, aber wer will, könnte ja auch weiße Dahlien setzen.

Ich bin bei meinem Gedankenspiel gut über den Sommer gekommen, im Herbst wurde es allerdings etwas blass im weißen Planspielgarten. Zum Glück blühen bei mir im Oktober/November zwei Kamelien Sasanqua und natürlich noch einige weiße Rosen. Astern, Anemonen und Silberkerzen (Cimicifuga) kommen dazu.

Es geht auch mit einfacheren Mitteln. In den Gartengeschichten schreibt Eva Demski über den geheimen Garten eines Misanthropen: „Und gewiß ohne dass er das gewollt hatte, war ihm ein von vielen ehrgeizigen Gärtnern ersehntes Ideal gelungen: der Weiße Garten. Das heißt, der magische und von Vita-Sackville-West kanonisierte Weiße Garten hatte sich selber gemacht, aus Knöterich und Ackerwinden, Margeriten, Kamille und Holunder, Heckenrosen, Weißdorn und Schlehen, mit einem Teppich aus Gänseblümchen. Vom Frühjahr bis zum Herbst blühte der geheime Garten weiß.“

Aber was ist mit den anderen Farben, wären sie in diesem Bild störend? Würde ich etwa Funkien zulassen, die grün-gelb sind, oder wären sie fast so störend wie der Frauenmantel mit seinen gelb-grünen Blüten? Von den ersteren gibt es viele weiß-panaschierte, manche blühen auch in Weiß, und den Spindelstrauch könnte ich gegen einen weiß gefleckten austauschen, aber von vielen mir sehr lieben Pflanzen gibt es eben keine weißen Sorten. Ich bin doch recht froh über die vielen Farben, besonders im Herbst, über das kräftige Gelb und auch das Blau und Rot in meinem Garten. Was wäre ein Leben ohne Sonnenblumen oder Sonnenhüte? Schon im Vorfrühling möchte ich die Winterlinge und die Zaubernuss nicht missen. Und wenn ich die Schachbrettblume (Fritilaria meleagris) in weiß aus der von mir gesteckten Zwiebel schlüpfen sehe, fühle ich mich gerade um das Schachbrett betrogen.

Allerdings habe ich, seitdem ich vor 20 Jahren erstmalig in Sissinghurst war, mehrere weiße Ecken „eingebaut“, vor allem in den dunkleren Bereichen. Das Weiß dient dann eher dem Hervorheben der vorhandenen anderen Farben. Nun gibt es drei weiße Bereiche, unterschiedlich groß, von 2 bis 5 Meter breit. Da blühen die weißen Pflanzen nacheinander im Verlauf des Gartenjahres. Im Frühling müssen sich Schneeglöckchen und Krokusse der Konkurrenz der gelben Winterlinge und farbiger Zwiebelpflanzen stellen, am besten können es die Märzenbecher. Im Sommer gibt es weiße Rosen, Hortensien, Hibiski und Buddlejas. Für die Stauden stelle ich wieder eine meiner Lieblingsblumen vor, das Mädesüß (Filipendula). Sie hat ein fein gefiedertes Blattwerk und einen dichten weißen Puschel, der wie ein Wattebäuschchen blüht. Wenn es regnet, muss das Wasser schnell heraus geschüttelt werden, da es den langen Stängel hinabzieht. Sie ist sehr fein und sollte deshalb in die Nähe des Betrachters gerückt werden.

Besonders wichtig war es mir, das große rote Rosenbeet etwas aufzuhellen. Dazu hatte ich auch ein Vorbild aus England: im Schlossgarten von Hever Castle (da, wo einige der Ex-Frauen von Heinrich dem Achten lebten) werden rote Rosen von weißen gesäumt. In unserem kleinen Stadtgarten habe ich um das ca. 20 Quadratmeter große Beet an den Rändern sechs weiße Rosen gepflanzt und ein weißes Hochstammschneewittchen schwebt jetzt über den roten Rosen.

Für die Entfernung empfehle ich als große Pflanzen weiße Herbstanemonen und Silberkerzen, sie hellen schattige Bereiche auf. Und das einjährige Schmuckkörbchen (Cosmea), welches bis zu einem Meter hoch wächst und trotz der großen weißen Blüten wegen der feinen Zweigchen ein wenig durchsichtig bleibt. Gabriella Pape empfiehlt in ihrem Buch Meine Philosophie lebendiger Gärten (Insel), durch dazwischen gepflanzte gelbblühende Sträucher dem Weiß den Grauschimmer zu nehmen, wenn das Wetter zu oft zu grau würde, wie es in Hamburg oft geschähe.

Immer wieder liest man von Frauen, die Vita nacheifern. Besonders gefiel mir der Bericht über den Garten Val Joanis im Band Frauen und ihre Gärten von Charlotte Seeling (Gerstenberg). „Eine extravagante Idee war es sicher auch, daß sie als Begleiter für ihr Gemüse ursprünglich nur weiße Blüten zuließ, um eine ähnliche Eleganz zu erreichen, wie sie in Vita Sackville-Wests legendärem weißen Garten von Sissinghurst in England zu bewundern ist. So hat sie die Kniphofias (Fackellilien), die sie wegen der attraktiven stachligen Blätter angepflanzt hatte, jedes Jahr vor der Blüte geköpft. Einmal ist sie nicht rechtzeitig dazu gekommen, und die Kniphofias konnten endlich ihre schönen Blüten öffnen. Seither ertrinkt Cecile (Chancel) jedes Jahr im Mai in einem Meer von Orange — und genießt es.“ Solche Gartengeschichten gefallen mir besonders, weil sie zeigen, wie sich unser Paradies verändert, wenn wir unseren Traum leben, und wie die Wirklichkeit dem Traum weiterhilft. Und gerade dadurch wird das Paradies ganz das eigene.

Aber es stimmt schon: Die meisten der von mir in den letzten Jahren angeschafften Pflanzen sind weiß. Sie verstärken die vorhandenen Farben. Marianne Foerster sagt es in ihrem Buch Der Garten meines Vaters (DVA) sehr klar: „Es gibt niemals genug weiße Blüten in einem Beet, Weiß trennt und verbindet, hebt andere Farben hervor, Weiß ist unerlässlich.“ In dem Buch von Helga Urban lese ich, dass weiße Blüten mehr duften. Da sie Insekten nicht mit der Farbe anlocken können, konzentrieren sie sich auf ihren Duft. Leider ist jetzt Herbst und ich kann keine Duftprobe nehmen. Schon das wäre ja ein Grund, mehr Weiß im Garten zu wagen.

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